Heimat, Herkunft und Folklore

Im Jahre 1999 erlebte ich in Frankfurt am Main in der Fussgängerzone, wie Roland Koch und seine Crew Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft sammelten.
Ich wurde auch angesprochen.
Damals hatte ich nur die kroatische Staatsbürgerschaft.
Ich ging mit den Unterschriften-Sammlern kurz in die Diskussion, und ich sagte, dass der Doppelpass mich und meinesgleichen GENAU beschreibt. Sie ließen schnell von mir ab.

Am Abend erzählte ich meinen bis heute kroatischen Eltern von den Erlebnissen. Sie sagten, „doppelte Staatsbürgerschaft, was soll denn das sein, und wozu soll das gut sein?“
Ich sagte „für Menschen wie mich“.

Sie kapierten in diesem Moment etwas Entscheidendes über die zweite Gastarbeiter-Generation, und unterstüzten mich, als ich einige Jahre später die deutsche Staatsbürgerschaft wählte, um in Deutschland zahnmedizinisch tätig werden zu können!
Weil Kroatien damals noch nicht EU-Miglied war, musste ich die kroatische Staatsbürgerschaft ablegen, um deutsch zu werden.

Nach dem Krieg um die kroatische Souveränität einige Jahre zuvor war das kein leichter Schritt für mich. Heute sehe ich die Dinge viel pragmatischer, aber damals war ich jung und glaubte an die durchgeknallten Ideologien der Nationalitäten.
In meiner Transition von Kroatisch zu Deutsch gab es ein paar Wochen, in denen ich gar keine Personal-Ausweise besaß. Mein bestes Dokument in der Zeit war mein Führerschein und meine Meldebescheinigung im Ausländeramt (wohlgemerkt – in Deutschland geboren!)
Ich gebe zu, das war ein unerwartet wulnerabler Zustand und ich war extrem erleichtert, als ich einige Wochen später einen deutschen Pass und Personalausweis in meinen Händen hielt.

Viele, viele Jahre später machte ich so einen DNA-Herkunfts-Test bei MyHeritage. Ich habe sehr interessante Infos bekommen. Meine DNA setzt sich aus 10, 12 verschiedenen Regionen zusammen, auf deren Territorien sich heute etwa 20 Staaten befinden.

Daraus schließe ich:
Die Idee von Nationaler Identität ist Folklore. Man sollte sie wie Folklore behandeln, die Musik, die Sprache, die Kultur würdigen und sich daran erfreuen.

Ich freue mich, dass es die doppelte Staatsbürgerschaft gibt, und dass Menschen wie ich nicht mehr einen Teil ihrer Identität abegen müssen, um einen anderen anzunehmen.
Eine Staatsbürgerschaft beschreibt nicht die Identität solcher Multi-Kulti Menschen, wie mich.

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