Obsessives Lesen

Foto von Thought Catalog auf Pexels.com

Als ich zur zweiten Grundschulklasse nach Deutschland zurückkam, wohnten wir in einem Stadtteil mit einer sehr netten Kinder-und Jugend-Bibliothek.
Meine Freundin Michi nahm mich dorthin mit und ab da war es um mich geschehen.
Die Kinderbibliothek lag genau auf meinem Schulweg, und mindestens ein bis zweimal die Woche kehrte ich dort ein, um einen gelesenen Bücherstapel abzugeben und nie versäumte ich, einen neuen Stapel auszuleihen.

Es gab fast nichts, was ich lieber tat als Lesen.
Das blieb viele Jahre so, bis ich das Theater entdeckte.
Ich las oder spielte Theater. Ich zeichnete und fing an mich für Jungs zu interessieren. Ich lernte Schmuck zu designen und zu modellieren. Ich spielte in einer Band.
Während dieser Zeit las ich immer parallel ein gutes Buch.
Mitte Zwanzig kehrte ich wieder zurück zu meinem Wurzeln, zum Lesen.

Die dunkle Seite des Lesens
Es gab eine Zeit, vielleicht zwei Jahre lang, in der ich neben meiner zahnärztlichen Vollzeitstelle pro Woche zwei bis drei Bücher las.
Ich fühlte mich wie eine getriebene des Lesens. Das nächste Buch musste her, nachdem ich den Buchdeckel des eben ausgelesenen gerade zugeklappt hatte.

Lesenlesenlesenlesenlesenlesen.
Es war wie Wörter fressen und ich wurde nicht satt. Es war eine Sucht und eine Flucht.
Ich las unerhört geniale, inspirierende, virtuos geschriebene Bücher!
Geniale Texte, hohe, flache, lustige und traurige, kluge und blöde, heitere und langweilige Geschichten! Meine Lesegier kannte kein Pardon!

Und doch blieb von all der Kunst nur ein Schatten der Erinnerung zurück.
Mein armes Gehirn erhielt niemals genug Zeit, das Gelesene zu verarbeiten.

Schluss mit dem obsessiven Lesen!
Dann kam irgendwoher Italo Calvinos Buch „Der Baron auf den Bäumen“.
Ich verschlang das Buch!
Ich staunte, las mit weit aufgesperrten Augen. Was für eine Geschichte! Was für ein Märchen, was für eine Parabel, was für ein Bericht!



Nach dem Baron auf den Bäumen war Schluss mit Suchtlesen.
Vorerst.

Die Lesepause dauerte zwei Wochen.
Nicht weil ich es so wollte, sondern weil ich nicht mehr lesen konnte. Ich hatte ausgelesen.

Dann fing ich wieder an zu lesen. Ja, ich las zeitweise wieder sehr viele Bücher in kurzer Zeit. Aber es wurde nie wieder so obsessiv wie vor dem Baron auf den Bäumen.

Das Buchcover vom Baron auf den Bäumen von der Webseite jpc

Sach- und Fachliteratur
Später kamen Zeiten, in denen ich außer Fachzeitschriften und -Büchern nichts anderes las.
Das ausschließliche Lesen von Fachbüchern vermindert meiner Meinung nach die Fähigkeit, Belletristik zu genießen. In deser Phase erschien mir Romane zu lesen wie Zeitverschwendung, in der ich auch etwas Anwendbares lernen konnte.
Ich gebe zu, dass mir der Spass und die Konzentrationsfähigkeit einen komplexen Roman zu lesen abhanden kam.

Was für ein Wahnsinn!

Fazit:
Selbst die unscheinbarsten, unschuldigsten Tätigkeiten können einem gehörig den Sinn vernebeln. Sie können Obsessionen, Süchte und Flucht werden.

Ich in froh, zum Genusslesen zurück gefunden zu haben.

*******

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Viel Freude beim Lesen!







6 Antworten auf “Obsessives Lesen”

  1. Hallo, ich glaube das kennt jeder Leser und jede Leserin, diese sucht nach dem mehr, dieser partielle Ausstieg aus der Realität. Ich bin auch überzeugt davon das man diesen Virus nie wieder los wird. Warum? Jedes Buch, gut oder schlecht, gibt etwas. Aus jedem Buch kann eine Art Erkenntnis gewonnen werden, entweder nur die das es Zeitverschwendung war dieses eine Buch zu lesen, oder eben das Gegenteil davon. Den Nutzen für einen selbst aus dem gelesenen zu ziehen. Dieses „überlesen“ das du erwähnt hast kommt vielleicht auch daher das beim exzessiven lesen eigentlich genau das Gegenteil passiert was lesen ausmacht, meiner Meinung nach. 1. Und da Stimme ich dir einfach voll zu, es kommt zu einem „Overflow“ an Input den das Gehirn gar nicht mehr verwertet. 2. Und das ist m.E. viel wichtiger, der Austausch über das gelesene findet nicht mehr statt. Ein Buch ist keine singuläre Informationsquelle und manchmal isoliert lesen so stark, das die wirklichen Kontakte im Leben darunter leiden können. Oder spitz formuliert, warum die schnöde Realität ertragen müssen wenn doch ein ganzes Universum von Büchern zur Flucht in eben diese alternative, imaginäre Welt einlädt. Aber Bücher prägen, und das reduzieren obsessive Leseleidenschaft

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, Ivo, genau.
      Lesen kann misbraucht werden, so wie trinken, shoppen oder gaming.
      Man kann durch Lesen allem was wehtut entkommen, und das ist gut so.
      Wenn man dann überlebt und sich stabilisiert hat, dann kann man sich den Dingen zuwenden, die so wehtun.
      Ich denke, wir sind hier auf der Welt, um Menschsein zu erfahren. Heilung ist die Königsdisziplin.
      Ich danke Dir, dass Du hier mitliest und kommentierst.

      Gefällt 1 Person

  2. … kommt eben auch aus der erfahrung des lesens heraus. Also ist wie mit jeder droge, oder Medizin. Die Dosis macht es. Und klar muss ich mir sofort erst mal das „Baumbuch“ besorgen, hört sich nach einem wirklich guten Buch an. Oder wie Reich Ranitzki vor seinem Tod sagte, er sei es leid dochnder Qual schlechter Literatur aussetzen zu müssen, und er mache das nur noch in der Hoffnung hier und da ein Juwel in dem Müll zu finden. Nun er war ja nun nicht wirklich bekannt Fernsehen Diplomatie. Lieben Gruß, Ivo.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich hab eine ganz ähnliche Lesebiografie durchlaufen, auch mit einer langen Sachbuchphase. Manchmal habe ich mich an Romane gar nicht mehr rangetraut, weil sie mich von anderen Dingen abhalten, die ich auch noch machen möchte. Weil ich weiß, dass ich nicht aufhören kann, bevor das Buch gelesen ist. Hach – aber ich arbeite auch daran, eine Balance zu finden und zwischen intensiven Lesephasen ein paar Wochen Auszeit zu nehmen.
    LG, Tala

    Gefällt 1 Person

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