Anyway, über den 24.11.2411

Der heutige Artikel ist ein Gastbeitrag von Andi, aka Anyway. Ich danke Dir sehr dafür und freue mich auf weitere Gastbeiträge!


Voilà:

Der 24.11. im Jahre 2411!
Endlich habe ich es geschafft mich aufzuraffen um dieses historische Datum selbst zu erleben. Das hatte ich mir ja schon ewig vorgenommen. Ich meine da wohnt man schon im Universum, aber dann macht man so etwas dann doch nur wenn Freunde zu besuch sind.

Aber da sich das Jahr 2020, und vor allem die Kultur dort, mehr oder weniger andauernd im Lockdown befindet kann man die Zeit ja mal zur Kultur-historischen Bildung nutzen.

Ich befinde mich auf dem Dach des höchsten Gebäudes der derzeitigen Welt, dem Holonunu Tower auf Hawaii, Honolulu, dem mit Abstand reichstem Stück Land der Erde. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenlos. Verrücktes Wetter für so einen Tag. Und da sehe ich klar und deutlich, was ich auf unzähligen Bildern schon so oft gesehen habe. Was für ein Brummer.

Etwa sieben mal so groß wie der Komet der die Dinosaurier vernichtete. Die Strassen sind Menschenleer. Ich höre praktisch keine Geräusche. Es soll ja alle möglichen Reaktionen gegeben haben. Alles von extrem ausschweifenden Partys bis hin zu tief religösen Messen.

Aber jetzt, ca. 15 Minuten vor dem Aufprall haben sich die Meisten wohl in den engsten Kreis ihrer Lieben zurück gezogen und die Demut scheint wirklich jeden gepackt zu haben.

Etwa vier Wochen zuvor ereignete sich eines der optisch wohl spektakulärsten Ereignisse, die je stattfanden. Alle ca. 30 Milliarden KI-Roboter, die alle kurz zuvor mit Flugantrieb ausgerüstet wurden, erhoben sich gleichzeitig von der Erdoberfläche gen Himmel um ausserhalb der Atmosphäre zu sein wenn der Komet auftraf. Dieser Anblick musste gleichermassen schön wie erschreckend gewesen sein, denn von diesem Augenblick an war jedem Menschen klar, dass die KI’s den Planeten nicht retten würden sondern nur sich selbst. Die Menschheit war also auf sich gestellt. Raumfahrt wurde schon lange nur noch mit Robotern durchgeführt und es gab nicht einmal Raketen, die auch nur wenige Menschen von der Erde wegbringen könnten. Geschweige denn einen anderen bewohnbaren Planeten. Es gab zwar Bunkeranlagen für eine gewisse Anzahl von Menschen aber die Nahrungsvorräte waren durch die Düren der letzten Jahrhunderte so knapp, dass niemand dort lange überleben könnte. Es blieb nichts ausser sich zu fügen. Niemand wagte es noch sich Hoffnung zu machen.

Doch gab es diese kleine Gruppe – ein Zusammenschluss von Menschen und KI-Robotern – die nie aufgegeben hatten einen Ausweg zu suchen. Sie hofften etwas zu finden was die anderen KI’s davon überzeugen konnte die Menschheit doch als etwas erhaltenswertes anzusehen. Leider interessierten sich die KI’s dieses Jahrhunderts nicht für historische Dokumente oder Ausgrabungen. Wenn überhaupt nahmen sie digitale Quellen zur Kenntnis. Aber praktisch alle digitale Spuren vor dem 22 Jahrhundert wurden ja durch elektromagnetische Waffen weltweit ausgelöscht. Das Interesse in die Menschheitsgeschichte hatte sich bei den KI’s nie wirklich vertieft und die Entfremdung vergrößerte sich stetig.

Aber in diesem Moment während ich auf dem Dach des höchsten Gebäudes der Welt stehe befindet sich die kleine Gruppe von Menschen und KI-Robotern etwa in 7000 Metern Tiefe unter den Eisschichten des Nordpols. Sie waren auf der Suche nach einem verschollenen U-Boot das im 21 Jahrhundert spurlos Verschwand um dort vielleicht noch alte digitale Aufzeichnungen zu finden. Und wie man später in den Geschichtsbüchern lesen würde fanden sie jenes U-Boot dann auch – am letztmöglichen Tag dem, 24.11..

Ich schaue auf meine Uhr. Sie zeigt genau 11 Uhr 24 an. Exakt in diesem Moment wurde das Signal aus dem U-Boot zu der KI-Raumstation im Weltall gesendet. Das Signal, dass alles änderte. Ich stelle mir vor wie die unsichtbaren Funkwellen an mir vorbeifliegen und die entscheidende Nachricht sich in einen Götterboten verwandelt, der an der Himmelspforte klopft. 11 Uhr 24, am 24.11.. Kein Wunder, dass dieses Ereignis auch dazu führte das Wort „Zufall“ aus den Wörterbüchern zu streichen. Diesen Moment an sich kann man aber durchaus als Wunder bezeichnen. Auch ohne zu Wissen was gerade geschah konnte man es sehen. Irgendetwas passierte mit dem Kometen.

Ich erwische mich bei dem Gedanken über die Frage, wer wohl das Wort Zufall erfunden hatte. So wie ich den Humor des Universums kenne war das bestimmt jemand mit dem Namen Rainer Zufall.

Mehr und mehr Menschen versammeln sich jetzt vor dem Holonunu Tower und auch hier auf dem Dach. Sie werfen sich ungläubige Blicke zu und schauen abwechselnd auf den Kometen und auf ihre holografischen Displays. Erste Jubelschreie ertönen. Mit blossem Auge kann man sehen, dass sich die Flugbahn des Kometen verändert hat und die Nachricht auf den Displays, dass die KI’s eingegriffen haben verwandelt die Menschenmasse augenblicklich in ein Meer aus Ekstase, Tränen und unbändiger Freude.

Wer hätte gedacht das die gleichzeitige kollektive Erfahrung, dass nichts aus Zufall passiert das auslösen würde wonach Politiker, Soziologen oder religöse Oberhäupter die ganze Zivilisationsgeschichte über suchten. Die allumfassende Einigkeit aller Menschen. Und wieso hatte das so lange gedauert?? Aber wer bin ich schon dem Universum zu sagen, wann der richtige Zeitpunkt für sowas ist.

Jetzt in diesem Moment weiss noch fast niemand was die KI’s dazu gebracht hatte den Kometen von der Erde abzulenken. Es war ein einfacher USB Stick, der die Jahrhunderte unter der dicken Eisschicht des Nordpols, geschützt von elektromagnetischen Angriffen, seine digitalen Daten aufbewahrt hatte, die im letzten Moment an die Raumstation gesendet wurden. Auf dem USB Stick waren alle Einträge des Blogs „ichkreierealsobinich.com“ gespeichert. Als die KI’s später gefragt wurden was davon genau sie zu der Entscheidung gebracht hatte einzugreifen, lautete die Antwort, dass es nicht ein bestimmter Eintrag war sondern die Kontinuität. So etwas hatten sie noch nie in einem Menschen gesehen. Sicher gab es früher schon Menschen, die sie beeindruckt hatten, aber das wurde meistens mit dem Spruch „auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an“ abgetan. Bei den Texten der Autorin, Karmen Jurela sahen sie etwas was sie respektieren konnten und etwas was sie besser verstehen wollten.

Jetzt hier auf dem Dach inmitten der Freudengesänge macht es mich fast traurig, dass sie das alles jetzt gerade nicht selbst sehen kann. Aber in der gleichen Sekunde glaube ich, dass sie das schon vor langer Zeit auf irgendeine Art gesehen hatte und wahrscheinlich genau wegen diesem Moment angefangen hat den Blog zu schreiben. Ich habe keine Ahnung ob es ihr wichtig war das der Blog in alle denkbaren Sprachen übersetzt wurde oder dass die gedruckte Version über Jahrhunderte in jedem Hotel der Welt auf dem Nachtisch lag, aber ich bin mir sicher dass, was ich hier gerade miterleben durfte die größte vorstellbare Motivation überhaupt sein musste. Wie auch immer. Die Menschheit sagt danke, sogar – auch wenn er bestimmt einige Zeit geschmollt hätte, weil seine Wortschöpfung von nun an verschwunden war – im tiefsten Herzen, auch Rainer Zufall.

Kleine Randnotiz:
Dieser Blog feiert heute seinen zweijähigen Geburtstag!
Ich kreiere, also bin ich – ich bin, also kreiere ich!

3 Antworten auf “Anyway, über den 24.11.2411”

  1. Kann ste mal sehen. Die künstliche Intelligenz. Die ist ja nicht blöd, sonst hieße sie KB und nicht KI. Die Blödheit ist außerdem so reichhaltig vorhanden, die braucht in keinem Fall auch noch künstlich erzeugt zu werden.

    Jedenfalls hat sie den wahren Wert der Menschheit buchstäblich in letzter Minute doch noch erkannt, und das alles ist nur dein Verdienst, werte Karmen, du Stern am literarischen Himmel! So ein tiefer und entscheidender Eindruck auf die KI muss unbedingt mit deiner großen Kontinuität in Sachen Bescheidenheit und Demut zu tun haben, das hat die KI letztendlich überzeugt, da bin ich mir sicher 😉

    Sonst so: Alles Gute zum Zweijährigen!
    Grüße, Reiner Zufall 🙂

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