Schmerz

In meinem Arbeitsleben als Zahnärztin höre ich ungefähr täglich die Frage „wird das wehtun?“ Auch nach fast 20 Jahren im Beruf lautet meine Antwort darauf – „ich weiss es nicht.“

Das Ding mit dem Schmerz ist so komplex, dass es darauf keine allgemeingültigen Antworten gibt. Es gibt Menschen, die unbetäubt bei der Präparation in unmittelbarer Nähe des vitalen Zahnnervs nicht mal mit der Wimper zucken, und andere, die bei einer sanften Berührung der Lippe Schweissausbrüche und Schmerz-Assoziatonen haben, die sich von „echtem“ Schmerz nicht unterscheiden. Die Tagesform, die Tageszeit der Wochentag und sogar die Jahreszeit, das Wetter, der Kontostand, das Sexualleben, die Ernährung, die Schlafqualität, der Monatszyklus, sogar die Haarfarbe (!) und vieles andere mehr spielen bei der Schmerzwahrnehmung eine signifikante Rolle.

Also kann jemand, der bisher seine Zahnarzttermine immer morgens gelegt hat, und den Schmerz stets sehr gut weggesteckt hat, bei einem Abendtermin die doppelte Menge Anästhetikum benötigen – oder umgekehrt… Nichtmal diese Tendenzen sind bei allen Menschen gleich und können durch Selbstbeobachtung oftmals besser vorhergesagt  werden.

Dasselbe gilt für psychischen oder psychosomatischen Schmerz: Auch hier gibt es  individuelle Merkmale, die nicht unbedingt auf den ersten Blick durchschaubar sind.

So kann psychischer Schmerz durch sehr viele Reize verursacht werden – Muskuläre Verspannungen, Stoffwechsel-Stau, versehentliche oder willentliche Selbstverletzungen, Intoxikationen, Süchte, Unfälle, Erkrankungen…

Solche Schmerzen können als ein einziger wiederkehrender Call to Action verstanden werden! Eine Erinnerung, dass ein Leben irgendwann zu Ende geht und die Dinge endlich getan werden müssen, die zu tun man auf die Welt gekommen ist.

 

2 Antworten auf “Schmerz”

  1. Schmerz_ein heikles Thema und hoffentlich nicht nur für den Patienten_ -alles(?) Psychologie. Bei meiner höchsteigenen ca. halbjahrhundertlich währenden Erfahrung mit dem Ge(h)beiß fehlt mir noch immer die exakte Definition, -einjeder spürt, wenn überhaupt, etwas anderes. Bei mir selbst fing der Schmerz zuweilen im Treppenhaus zum doc schon an, mit dem Geruch(Gestank) den eine Praxis verströmt, verstärkt durch die hochfrequente Geräuschkulisse und das grundsätzliche Warten bis man in der Reihe der Delinquenten am dransten ist, sich dem Halbgott in weiß ausliefern zu dürfen, um dessen besorgniserregende Miene im Gegenlicht zu mustern, beim Versuch Fragen mit vollem Mund beantworten zu können……Viele, sehr vielen Gebeiß-Handwerker durfte(mußte) ich konsultieren, also ihnen Vertrauen schenken, immer mit der Hoffnung einem zu begegnen der nicht allzuviel Sadis-Mus zum Frühstück, und die Rate für den Jaguar schon drinne hatte……..sich auf Gedeih und Verderb ausliefern zu müssen und keine Möglichkeit das Gesagte auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu prüfen zu können, bereitet Schmerzen. Doch wat is dat?, Schmerzen: wenn’s halt weh tut__und genau so’ne Aussagen bereiten jene.
    Vor ca. drei Dekaden war ich in Berlin bei einer Verflossenen meines Kumpels Peter, welche gerade zu Dr. med. dent mutierte, da hat mich allein der Anblick dieser schönen junge Frau (sie sah aus wie meine Traumfrau, die Indianerin) geschmerzt und habe mich nicht mehr hingetraut ….allles Bsüchologie
    Ist der Schmerz das eigene Unvermögen nicht zu zucken sollte der Nerv mucken?__nicht auszudenken was die Handwerkerin in diesem Falle leisten muß, da ohnehin nicht allzu üppig Platz in den einzelnen Goldgruben__
    gerne würde ich Dich mal testen (he,he), ob dem was ich hier von Dir so lese

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  2. Hand bestätigt, das beim Schmerzempfinden eoin gerüttelt Mass an Psychologie (Kontrollverlust, Ängste , so Hansetc.) im Spiel ist.
    Ich kann das als asiatische Kampfsportlerin (viele Jahre Vollkontakt inkl. Abhärtungstraining) bestätigen.
    Ist man vorbereitet, akzeptiert den Schmerz und ist entschieden, lässt er sich managen. Zweifel, Zögern und Ängste untergraben die Willensstärke. Und überraschender Schmerz kann einen aus dem Gleichgewicht bringen. Die eskalierenden Abhärtungstrainings (bis zum K.O.) gehören zu meinen wichtigsten Lebenserfahrungen überhaupt. Es ist eine Selbstkonfrontation. Ich habe keine Angst vor Schmerzen, weiss aber dass es unterschiedliche Arten gibt, die mitunter schwieriger zu handeln sind. Im Kumite, Nahkampf und Sparrings (Nicht jedermanns Sache, natürlich) habe ich die Erfahrung sammeln können, dass ich den Schmerz bei (Voll)treffern sehr wohl spüre, aber er kommt an mich psychisch nicht heran. Ich erlebe ihn distanziert und war auf meine Taktik fokussiert.
    Da spielt Adrenalin etc. sicher eine Rolle, aber – so vermute ich heute – auch so etwas wie nicht-klinische Dissoziation.
    Ein Faustschlag meines Sensei mitten ins Gesicht hat mich weniger beeindruckt als wenn ich mir des nachts auf dem Weg zum WC den kleinen Zeh am Türrahmen gestoßen hatte.
    Da gibt es natürlich auch Übungseffekte, so z.B. bei einem ambulanten Eingriff an einer offenen Beinwunde auf Wunsch ohne Betäubung. Das verletzte Bein lag wie angetackert völlig ruhig auf der Liege, und ich musste dem empathischen Arzt Mut machen…interessanterweise hat das unverletzte Bein extrem gezittert…quasi aus Solidarität.
    Ich denke, Schmerzen sind beherrschbar.

    Ein anderes sehr krasses Beispiel dieser Kategorie ist der vergabliche Versuch mich in Vollnarkose zu legen.
    Das Problem: Es war nur eine Betäubung vereinbart, so dass ich gar nicht wusste, dass mir Propophol (Vollnarkose) gespritzt worden war und sogar mehrfach nachdosiert worden war. Erst als ich fragte, wann wir endlich loslegen würden / worauf sie warten würden (Antwort: Auf mich bzw meine Bewusstlosigkeit!), klärte sich das MIssverständnis auf. Wir haben alle gelacht…Dann hiess es, Small Talk mit dem Operateur über Boxen einstellen, Augen zu und entspannen… Das Team fand dieses Erlebnis eines umgekehrten Placebo Effekts genauso faszinierend wie ich.
    Die Psyche ist definitiv stärker als der Körper.

    Aus eigenem Erleben weiß ich aber auch, dass es wichtig ist, dass man überzeugt ist, dass sie auch wieder nachlassen werden.
    Das ist bekanntermaßen ja nicht nur bei physischen, sondern vor allem auch bei seelischen Schmerzen leider nur zu wahr.
    Hoffnungslosigkeit ist tödlich.

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