Üben oder Trainieren?

Es gibt unterschiedliche Qualitäten beim Üben.
Üben, weil jemand sagt „übe!“ und Du machst es, weil es ein Machtgefälle gibt, mit dem Du es nicht aufnehmen möchtest oder kannst, oder Du folgst der Aufforderung aus Mangel an Alternativen, dann ist dieses Üben definiert von äußeren Kräften.
Du wirst halbherzig oder widerwillig die Übung antreten, es also schon im Voraus an Begeisterung vermissen lassen. Während des Übens wirst Du im besten Fall nur zufällig Spass dran haben, und das Ergebnis Deiner Übungen wird auch nach 10.000 Stunden Übung im besten Fall gutes Mittelmaß sein.

Selbst wenn Du 10.000 Stunden beim Sport, beim Schreiben, in der Handarbeit, in der Zahnmedizin oder sonstwo verbringst, und das ganz gerne machst, aber ohne Vision, wie Du das Thema meisterst, dann wirst Du garantiert Erfolge und ordentliche Verbesserungen auf dem Weg erleben. Ohne gehobene innere Haltung und äußere Unterstützung wirst Du jedoch wahrscheinlich keine Meisterschaft erlangen.  Es wird einfach üben zum Spass sein, ohne das Ziel der Exzellenz vor sich zu haben.

Es gibt diese 10.000-Stunden Regel von K. Anders Ericsson, die besagt, dass 10.000 Stunden Übung Dich zur Meisterschaft bringen. Wörtlich hat Ericsson das so wohl nie behauptet, (er konzentriert sich vor allem auf den Begriff „deliberate practice“, den man in etwa „gezielte“ oder „bewusste“ Praxis übersetzen kann) doch die Regel klingt knapp und griffig, und daher wird sie gerne zitiert und benutzt.

Neben diesem übergeholfenen und ziellosen Üben gibt es auch das Üben, um auf dem Gebiet das Beste aus sich herauszuholen.
Hier geht man ganz anders an die Sache ran. Man übt nicht nur physisch, sondern auch mental. Visualisiert, holt sich Coaching, holt sich Trainer. Der Zustand des Flow wird nicht nur versehentlich erzeugt, sondern mit voller Absicht angestrebt.

Auf diese Weise bekommt das, was man sowieso schon liebt, neurophysikalisch und endokrinologisch unterstützt noch mehr Antrieb.
Dadurch erwächst noch mehr Liebe zur Handlung.

Quantität, 10.000 Stunden und noch mehr, wird es allein nicht richten. Füge Deinem Üben Qualität hinzu, und sogleich ändert sich Dein Blatt.

Die Besten der Besten –  Sportler, die alle Nummer 1 Titel bekommen haben, Schauspieler, die alle Preise gewonnen haben, Ärzte, die an unseren Organen operieren – all diese Leute brauchen noch immer Coaches, Training und Weiterbildung!!
Nicht um besser als andere zu werden, sondern um das Beste aus sich sebst herauszuholen!

4 Antworten auf “Üben oder Trainieren?”

  1. Zielloses Üben? Das Konzept ist mir fremd. Wenn man etwas übt, strebt man doch eigentlich immer nach Verbesserung. Das ist doch ein Ziel…?

    Eine andere Frage ist natürlich, ob man intrinsisch motiviert ist (dazu gehört auch die Freude am Üben an sich) oder extrinsisch – also durch äussere Anreize, wie Anerkennung, Geld etc.

    Streben nach Exzellenz oder Perfektion? MIt einer solchen Motivation beim Trainieren kommt man meines Erachtens nicht weit. Denn es gibt keine Perfektion…und sie ist m.E. auch gar nicht erstrebenswert. Imperfektion macht jemanden erst einzigartig. Alles was du machst sollte im besten Fall ein Ausdruck deiner Selbst / deiner individuellen Persönlichkeit sein. Erst dann bist du authentisch und hast dir deinen Trainingsgegenstand zueigen gemacht. Ein gutes Beispiel ist das Erlernen von Choreografien beim Tanzen oder in der Kampfkunst (Kata). Die Choreografie ist vorgegeben, ebenso die verschiedenen Techniken, Posen, Atmung, Rhythmus etc. Dennoch geht es darum, dass man sie interpretiert und seinen eigenen Ausdruck & Stil findet. Somit kann es keinen Standard iSv Perfektion geben.

    Wenn man übt, sollte man seinen eigenen Massstab entwicklen und sich nicht mit anderen messen. Man kann von anderen lernen, aber sollte sich nicht messen. In den Kampfkünsten, die lebenslanges Üben und Wiederholen fordern (10.000 Wdh? ist noch nicht einmal ein Anfang!😉 da habe ich in 6 Wochen schon mehr Zukis gemacht), heisst es, dass man lediglich gemeinsam übt- Es gibt also keinen Vergleich oder allgemeinen Massstab. Die Prüfungen und Zweikämpfe (kumite) gelten nur als individuelle Fortschrittskontrolle und Ausprobieren.
    Ja, da gibt es vielen Schnittstellen zu dem was du sagst. Denn die traditionellen Kampfkünste dienen vor allem der Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind kein Sport. Das Üben ist nur ein Hilfsmittel und hat immer auch Elemente von Meditation in Bewegung. Alle Schwächen & Stärken, die du im Training zeigst, hast du unstrittig auch im „wahren Leben“. Jeder Kampfkunstschüler wird unweigerlich mit einem Erkenntnisprozess konfrontiert, den er ursprünglich gar nicht angestrebt hat.
    Kampfkünste sind Teil einer Zen inspirierten Lebensphilosophie, die kontinuierliche Arbeit an sich selbst beinhaltet, um dann andere unterstützen zu können. Die elementaren Werte Respekt & Loyalität sind z.B. nicht nach ausssen gerichtet. Vielmehr soll man sich selbst gegenüber loyal und respektvoll sein.
    Es kommt vor, dass erwachsenen Schülern im Training die Tränen kommen. Auch ich war ein paar Male völlig von der Rolle…und habe mich noch nie so nackt, durchschaut und verletztlich gefühlt wie im Training, obwohl die japanischen Grossmeister nichts von mir wussten und mich nur beim Üben beobachtet hatten. Ein /zwei knappe Bemerkungen / Ratschläge der Großmeister und ich war aufgeflogen und kämpfte mit meinen Emotionen… denn das Feedback traf natürlich auf mich und mein Leben ausserhalb des Trainings zu. Treffer – und versenkt! Es ist sehr unheimlich, wenn man wahrhaftig gesehen wird. Diese Japaner (Seniors ) wissen Menschen zu lesen und aus der Fassung zu bringen…damit man dann in eine andere Fassung geraten kann.
    Diese Gabe besitzen übrigens auch viele Drill Instructor bei den amerik, Streitkräften. Sie setzen diese unheimliche Gabe nur anders ein. Es geht beim Üben nicht um Korrektur, sondern darum, jemanden komplett zu demontieren und dann wieder neu aufzubauen.
    Training kann viele Zielrichtungen verfolgen….es gibt aber kein fest definiertes Endziel, weil man lebenslang übt / lernt.

    Qualität ist wichtig…aber auch Quantität ist nicht zu unterschätzen. Geht es doch darum, sich zu entwickeln, das Erlernte sollte intuitiv genutzt werden…in die eigene Persönlichkeit integriert werden. Erst so entsteht ja überhaupt echte Veränderung. Alles andere bleibt blosses Rezitieren von Erlernten.Oder wie mein Sensei zu sagen pflegte, Weiss-Nix, das steht in keinem Buch.
    Damit etwas intuitiv wird musst du immer durch Quantität / Wiederholungen oder besser Sammeln von (Lebens)erfahrung deine Festplatte / Unterbewusstsein formatieren. Ich habe anfangs diese endlose Wiedrholerei gehasst. Heute liebe ich sie und den Flow, den man dabie erleben kann. Allein einmal das Hirn auszuschalten und sich in der dynamischen Bewegung, dem Wechsel von Ent-/Anspannung und Rhythmus zu verlieren, ist phantastisch. Noch besser, wenn man synchron in einer Gruppe diese Energie kreieren und kontrollieren kann.

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    1. Hello Susanne! Danke für Deine Hinweise!

      Ich habe schon oft ziellos geübt. Zum Beispiel wenn ich irgendwas gespielt habe – Gummihüpfen, Theaterspielen, oder als ich noch in der Silberschmiede gearbeitet habe, immerhin acht Jahre lang.
      Im Nachhinein sehe ich, dass das alles „zielloses“ Üben war, wodurch ich ziemlich gut in den jeweiligen Disziplinen wurde.
      Ich hatte damit nix vor. Nicht mal, mich zu verbessern. Es machte halt saumäßig Spass.
      Klavierspielen machte überhaupt keinen Spass und da war ich auch nie auch nur ansatzweise gut. Aaaber ich hab einige Jahre ziellos Klavierspielen geübt.

      …Zielloses Üben. Doch, das gibt es. Kann Spas machen, muss aber nicht.
      Ohne Vision, ohne Mission und ohne Ziel sind all diese Disziplinen irgendwann im Nirvana versandet.

      Der Begriff „Meisterschaft“ ist natürlich dehnbar! Wie alles andere auch! :-))
      Und doch gibt es Meister. Du erzählst doch selbst von (einem) Meister(n), oder nicht?
      Ich möchte jedenfalls niemanden bremsen, der in Richtung Meisterschaft strebt. Lieber will ich die Person anfeuern! Meine Mission ist es, Menschen zu bestärken, Meister/innen zu sein!
      Wir können unser Leben meistern. Unsere Schmerzen. Unsere Lernaufgaben, unsere Visionen und Missionen wahr machen.
      Ist das weniger als Meisterschaft?

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      1. Saumässiger Spass ist super! Und es kann durchaus auch ein Ziel sein. Wenn du trotz mangel an Interesse Klavier geübt hast, war es womöglich das Ziel deine Eltern zufriedenzustellen (bei mir war es als Kind die Blockflöte; eigentlich wollte ich Klavier lernen) oder das Erfolgsgefühl zu bekommen, dass man nicht aufgegeben hat. Mein Erststudium habe ich abgeschlossen, weil ich es angefangen hatte. Da steckt sicher ein Glaubenssatz hinter.
        Ich sehe das auch so…es geht darum Meister seines Lebens zu sein. Das ist meiner Ansicht nach das Wichtigste.
        Einzelne Disziplinen sind weniger wichtig.
        Allerdings würde ich im Rückblick auch stärker an der Weiterentwicklung meiner Talente & Stärken arbeiten, als zu versuchen, vermeintliche Schwächen & Defizite zu beheben. Ich denke letzteres war nicht unbedingt ein Fehler, aber ich vermute heute, dass das Arbeiten an einer Meisterschaft der eigenen Talente auf jeden Fall weniger stressig ist und mehr Spass macht, als Mängel zu beheben.
        Einer meiner Profs hat zu mich gefragt, was wäre aus Schumacher Ralf geworden, wenn er versucht hätte, nebenbei auch noch Ballerina zu werden ?

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