Ein Gedicht

Ich fand ein Gedicht, das die gesamte gesellschaftliche Durchdringung und Verlogenheit zum Thema Sucht und Co-Abhängigkeit zeigt. Es heißt „Als sie lachte“.
Bitteschön:

Als sie lachte…

Als sie lachte, sagte man ihr, sie sei kindisch. Also machte sie fortan ein ernstes Gesicht.
Das Kind in ihr blieb, aber es durfte ja nicht mehr lachen.

Als sie liebte, sagte man ihr, sie sei zu romantisch.
Also lernte sie sich realistischer zu zeigen, und verdrängte manche Liebe.

Als sie reden wollte, sagte man ihr, darüber spreche man nicht. Also lernte sie zu schweigen.
Die Fragen, die in ihr brannten, blieben ohne Antwort.

Als sie weinte, sagte man Ihr, sie sei einfach zu weich. Also lernte sie die Tränen zu unterdrücken. Sie weinte zwar nicht mehr, doch hart wurde sie nicht.

Als sie schrie, sagte man ihr, sie sei hysterisch. Also lernte sie nur noch schreien, wenn niemand es hören konnte. Oder sie schrie lautlos in sich hinein.

Als sie zu trinken begann, sagte man ihr, das löse ihre Probleme nicht. Sie solle eine Entziehungskur machen. Es war ihr egal, weil ihr schon soviel entzogen worden war.

Als sie wieder draußen war, sagte man ihr, sie könne wieder von vorne anfangen. Also tat sie, als begänne sie ein neues Leben. Aber wirklich leben konnte sie nicht mehr, sie hatte es verlernt.

Als sie sich ein Jahr später versteckt zu Tode getrunken hatte, sagte man nichts mehr.

Und jeder für sich versuchte leise, das Unbehagen mit den Blumen ins Grab zu werfen.

 

17 Antworten auf “Ein Gedicht”

    1. Beides.
      Und noch mehr, zum Beispiel Physiologie:
      Jemand der nix verträgt, wird zu Beispiel kein*e Alkoholiker*in.
      Oder auch die Eigendynamik von Alkoholkonsum: Niemand ist je losgezogen, um Alkoholiker*in zu werden.
      Und noch vieles mehr.
      Die Gesellschaft fördert Sucht durch die im Gedicht gezeigten Tendenzen.
      Und durch noch viele weitere.

      Das ist sehr gut und anschaulich in Anne Wilson Schaefs Buch „Im Zeitalter der Sucht – Wege aus der Abhängigkeit aufbereitet.

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      1. Ich bin allein verantwortlich für mein Leben und meine Gesundheit. Niemand erlebt Hilfe in der Verantwortung für sich selbst, wenn er anderen eine Mitschuld gibt. Die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen. Natürlich sind das keine perfekten Menschen. Es wird nie perfekte Menschen geben. Es liegt an mir, wie ich mit den unperfekten Menschen, ihrer Haltung und ihrem Verhalten umgehe. Es liegt alleine an mir, ob ich eine gesunde Persönlichkeit werde. Darum ist das Gedicht eine Nebelkerze und eine Lüge, die Menschen davon abhält, Verantwortung für sich zu übernehmen. Es ist die typische Zuflucht des unreifen Menschen, den Finger auf andere zu zeigen. Doch so bleibt alles beim Alten.

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    2. Alkoholismus ist eine fortschreitende Krankheit. Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist wichtig und richtig.
      Und gleichzeitig braucht es einen schamfreien pragmatischen Umgang damit, sodass ein suchtkranker Mensch das Therapieangebot erkennen und annehmen kann. Das ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht gegeben.
      Und selbst wenn, ist Heilung nicht garantiert.

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      1. Ist deine Vermutung berechtigt, das meine Sicht auf Suchtkranke nicht gnädig ist? was genau verstehst du unter einer gnädigen Sicht? Ist es wirklich das, was ein suchtkranker Mensch braucht, Gnade? Oder ist es nicht genau das, was Menschen in der Sucht festhält und in die Sucht führt? Menschen, die nicht den Mut haben den Suchtkranken und den unsicheren Menschen mit der Wahrheit über ihn selbst zu konfrontieren. Menschen, die immer wieder neue Gründe finden den Suchtkranken und schwachen Menschen in seiner Haltung und seinem Tun zu rechtfertigen und ihn gewähren zu lassen.

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  1. Das kann ich dir nicht sagen, weil es keine andere, gnädige Gesellschaft gibt. Und sie verändern zu wollen scheint mir ein Holzweg. Ich finde keine Hilfe in dem Wunsch, die anderen zu verändern. Ich finde Hilfe darin, für mich Verantwortung zu übernehmen und Hilfe zu suchen und anzunehmen, wo ich Hilfe brauche.

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      1. Braucht der suchtkranke Empathie? Ja.
        Braucht der suchtkranke Mitleid? Nein
        Braucht er Einsicht in eigene Schuld und Hilflosigkeit? Ja
        Braucht er andere, denen gegenüber er offen und wahrhaftig sein kann? Ja
        Kann ich suchtkranken helfen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen? Nein
        Kenne ich Suchtkranke? Ja
        Bin ich verantwortlich für die Gesundheit anderer? Nein

        Das glaube ich.

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  2. Ich glaube es war noch nie so deutlich zu sehen wie sehr jeder einzelne Mensch auf jeden anderen angewiesen ist.
    Es ist ja auch wohl nichts neues dass, auf der praktischen Ebene, die meisten unserer Tätigkeiten schon längst Teil von Ereignisketten sind
    die weit über unser direktes Umfeld hinausgehen. Jeder der diesen Text in diesem Moment liest kann das nur weil andere Menschen elektrische Leitungen in den Erdboden unter Strassen über Ländergrenzen hinweg und sogar durch Ozeane verlegt haben.
    So gut wie jedes Produkt oder Kleidungsstück das wir benutzen legt von der Rohstoffgewinnung bis zum Verkauf im Laden oft sehr Weite Wege zurück und geht durch extrem viele Hände.
    Kurz gesagt, auf materieller Ebene ist es uns schon Bewusst wie sehr alles Zusammenhängt und dass das alles auf gegenseitigem Vertrauen basiert, weil wir es direkt mit unseren Sinnen erfassen können.
    Auf gesundheitlicher Ebene wird es im Moment vielen um einiges bewusster, weil wir die Informationen die wir erhalten akzeptieren und den Informationsquellen vertrauen.
    Auf psychischer Ebene ist Grundvertrauen auch das stabilisierende Element, auch wenn es nicht so einfach greifbar ist.
    Natürlich spricht nichts gegen Hilfe für Suchtkranke die Hilfe suchen. Eine langfristige Strategie gegen Suchtkrankheiten wäre aber eine Gesellschaft in der es ein Bewusstsein für jede psychische Verfassung von jedem gibt die deutlich mehr stabilere Menschen hervor bringen würde.
    Ob es sowas wie Gesellschaft „gibt“ oder ob sie anders sein sollte? Wer weiss sowas schon…Ich weiss nur das jeder gewinnt umso mehr gesündere Menschen auf der Welt sind. Mich interessieren nur Sachen die funktionieren. Jemandem zu helfen, auch wenn es ein Fremder ist, für den man keine Verantwortung hat funktioniert. Für alle.

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