Gutes Mädchen, guter Junge

Ein „gutes Mädchen“ oder ein „guter Junge“ zu sein weckt in unserem Sprachgebrauch im Allgemeinen vorwiegend positive Assoziationen, abgesehen von Leuten, die finden, das „gute“ Mädchen und Jungen langweilig sind. Das sind dann meistens auch die, die glauben zu trinken, Drogen zu nehmen und sich in riskanten Sex-und Sport-Praktiken zu üben, sei voll super und würde sie frei und froh machen.

Darüber spreche ich hier jetzt nicht, Das kommt eventuell später mal. Vielleicht verbinde ich das mit dem Artikel den ich Euch vor einigen Wochen versprochen habe, demnächst über Zynismus, Skeptizismus, Kulturpessimismus zu schreiben. Das würde gut zusammenpassen – die Zyniker und die Grenzgänger… jaja…

Heute geht es mir um die vielen, vielen Menschen, die sich in ihrer Kindheit aus lauter unterdrücktem Selbst-Ausdruck und mangelnder Anerkennung von ihren Eltern oder Bezugspersonen die Strategie zurechtgelegt haben „everybodies Darling“, das „gute Mädchen“, oder der „gute Junge“ zu sein, um überhaupt etwas „Sicherheit“ oder „Anerkennung“ zu erfahren. Das sind die „über-Angepassten“, ausgleichenden, immer abgebrannten, immer rauchenden, oft von Ess-Störungen geplagten, die aber Zeit und Kraft finden, soziale Berufe zu ergreifen und darin halb kaputt zu gehen.
Gerade bei diesen helfenden oder unterstützenden Eigenschaften ist es exrem schwierig zu erkennen, wo Freundlichkeit und Menschlichkeit enden und Auto-Agression, Selbstinszenierung, passive Aggressivität und Selbstzerstörung beginnen. Den Grenzbereich genau zu definieren ist vermutlich unmöglich, zumal das Lob der Gesellschaft für Assistenz, Hilfe und Pflege vordergründig gesichert ist, jedoch nicht monetär und in Wertschätzung.

Also, was heisst das alles?
Helfersyndrom, Everybodies Darling, „good girl“ und „guter Junge“ – all diese Rollen haben ein Geschmäckle von Sucht, Co-Abhängigkeit und unterdrücktem Selbst-Ausdruck, mangelnder Liebe und Selbstliebe. Wer bei 100 Likes einen einzigen Daumen nach unten nicht aushält, hat seine negativen Glaubenssätze wahrscheinlich noch nicht genau unter die Lupe genommen. Solche negativen Glaubenssätze wie – „ich bin es nicht wert, geliebt zu werden“, „meine Meinung zählt nicht“, „ich bin nicht gut genug“, „ich verdiene Strafe“ und so weiter…

Während ich das gerade schreibe, begreife ich, dass all diese Strategien „gutes Mädchen“ Helfersyndrom“, Zyniker“, Arroganz, „Intellektualismus“ genau die gleichen Ursachen und das gleiche Ziel haben:
Endlich anerkannt und geliebt zu werden und keine Angst mehr haben zu müssen, abgelehnt, bestraft oder verlassen zu werden. Als könnte man durch diese Taktiken Liebe und Sicherheit kontrollieren. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Diese Taktiken verunmöglichen Liebe, denn dieses Theater operiert mit falschem Treibstoff: Vertuschung, Verleugnung, Lug und Trug.
Insofern IST dies vielleicht sogar schon der Artikel, den ich Euch neulich versprach: Die Zyniker, die Grenzgänger und die Musterschüler – all diese Leute verbindet die Suche nach der Anerkennung und die Sehnsucht nach Liebe. Die Strategien haben nur verschiedene Farben und Formen, aber im Kern wollen sie alle das gleiche… Liebe.

…dabei fällt mir dieses Video vom tollen Riccardi ein:

13 Antworten auf “Gutes Mädchen, guter Junge”

    1. Danke, Weiss-Nix! Ich begreife diese Worte, bis auf Duldung, fast als Synonyme.

      Anerkennung, Toleranz, Wahrgenommen werden, ja, das ist die Größenordnung, die ich meine. Diese inneren Haltungen werden von Liebe und Großzügigkeit befeuert.
      Sie rufen keine Alarm-Reaktionen hervor.

      Duldung ist nicht das, wonach wir streben. Duldung hat zu viel Potential, wieder auf ein Theater zurückzugreifen. Duldung impliziert, „Du bist nicht in Ordnung“ – zumindest so, wie ich das Wort verstehe. Aber Wörter werden ja auch sehr subjektiv verwendet und verstanden…

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  1. Jetzt schaue ich das Video und….Verdammt! Auch dieses Klischee trifft nicht auf mich zu. Platte Verallgemeinerungen sind halt problematisch. Mir würde es besser gefallen, wenn er einfach von einem Fallbeispiel aus seiner Praxis reden würde.

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      1. Den Mann, den ich bekommen will – der aufregende Bad Boy – bekomme ich nicht und den ich nicht haben will – der Nette & Liebe (= Fischstäbchen, so habe ich es immer genannt), bekomme ich, will ich aber nicht.
        Ich habe den Mann bekommen, den ich wollte – den bad Boy (= den tollen Hecht) und eben nicht den soliden Netten.
        Ob mir das langfristig bekommen ist, ist natürlich eine andere Frage.
        Ich denke, Präferenzen können halt wechseln. Ich habe jdfs. bekommen, was ich damals wollte.
        Der Vlogger geht davon aus, dass man den tollen Hecht will, aber ihn nicht bekommt…und man erst nach Lösung vom Vater bereit ist, den Mann zu bekommen, den man eigentlich insgeheim immer wollte.

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    1. Wie hast Du das geschafft, Weiss-Nix? Was hat Dir gezeigt, was Du wirklich willst? Wer hat Dich unterstützt?
      Wie hattest Du die Kraft, die Erkenntnis, das Geld, die Ressourcen, das alles mit U40 abzuhaken?

      Ich glaube, das Wissen, das Du hattest, ist etwas, was die Welt braucht!
      Schreib darüber!
      Es wäre schön, wenn die Menschen von anderen lernen könnten….

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      1. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch bei mir nicht. Ich denke, es hilft, wenn man gnadenlos ehrlich mit sich selbst und auch mit anderen ist – auch wenn .das Ergebnis der Selbstreflektion und Prioritätensetzung nicht immer schmeichelhaft ist oder den Erwartungen anderer entspricht.
        Wenn man eine Vision (die nicht immer erreichbar sein muss) hat, fällt es leichter Ziele zu definieren und diese konsequent zu verfolgen. Einen detaillierten Masterplan halte ich allerdings für hinderlich, da man dann nicht mehr flexibel genug ist, um Chancen zu erkennen, Umwege und Investitionen zu akzeptieren…Von Langzeitzielen oder Risikozielen würde ich die Finger weglassen, wenn der Weg selber zur Zielerreichung keine Befriedigung & Spass bringt. Ich habe z.B. Mandarin studiert, konnte diese Sprachkenntnisse jedoch eigentlich nie beruflich richtig verwerten. Völlig egal. Die Zeit in China möchte ich nicht missen. Ausserdem lerne ich gerne und habe mich natürlich nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Kultur beschäftigt.
        Selbsterkenntnisse i.S.v. wahren Bedürfnisse und Akzeptanz eigener Defizite / Eigenheiten (s.o.)? In meinem Fall: Keine Familiengründung, keine Heirat, kein Eigenheim im Grünen, noch nicht einmal der Wunsch mit einem Mann räumlich zusammenzuleben oder ihm auch nur meinen Schlüssel auszuhändigen…so viel zu Defizite, die man auch ganz einfach akzeptieren kann, wenn es einem damit gut geht. Meine beruflichen Phantasien (obwohl anfänglich völlig unrealistisch) habe ich erstaunlicherweise übererfüllt (damit meine ich nicht nur Geld & Status, sondern Aufgaben, spannende, Branche, Einblicke in andere Welten & Kulturen etc.). Wann immer ich mich entschieden habe, habe ich den Weg gefolgt, der in die Richtung dieser Träume ging, ohne zu glauben, ich könne meine Träume tatsächlich verwirklichen.
        Meine privaten Träume habe ich tatsächlich alle erfüllt (einzige Ausnahme: einen Hund halten), weil ich sie nicht aufgeschoben habe. Denn mit +60 Jahren wird man sich nicht mehr mit Machete durch den Amazonas kämpfen, Wüsten durchqueren, Leistungs-/Extremsport betreiben etc.. Insofern habe ich Prioritäten gesetzt…die Kunst ist meine „Karriere“ fürs Alter.
        Der Egotrip hat natürlich seinen nicht unerheblichen Preis. Dennoch bedauere ich nichts wirklich.
        Meines Erachtens sollte man nur zum Zwecke des Lernens Rückschauen halten und sich darüber klar sein, dass man immer aus der Situation in Vergangenheit heraus entschieden hat. So lange man also ehrlich zu sich selbst ist und bewusst /informiert abgewogen hat, gibt es nichts zu bereuen oder nachträglich in Frage zu stellen. Natürlich habe ich auch ne Menge Fehler gemacht. Ich wusste es damals nicht besser…und letztendlich ist das halt das Leben… Reue ist eh Verschwendung von Energie, die für Zukünftiges besser eingesetzt werden kann.
        Wichtig und schwierig ist es meiner Erfahrung nach flexibel und offen zu bleiben, um resilient zu sein falls das Schicksal zuschlägt (Beispiel: Krankheit, Verluste)…insbesondere wenn man älter wird.
        Sicherlich bin ich immer auch ein wenig privilegiert gewesen, da ich eine gute Ausbildung besitze, die ich gut vermarkten konnte. Diese Vorteile habe ich allerdings sehr hart erarbeitet.

        Finanzierung? Mein Erststudium haben meine Eltern finanziert, das Zweitstudium war gesponsort von meinem Arbeitgeber, da ich sehr erfolgreich für ihn gearbeitet habe, diverse teure Weiterbildungen habe ich selber finanziert. Ich habe gut verdient und meine Fixkosten nie ansteigen lassen (Bsp 65qm Whg zur Miete, kleines Auto, ich habe noch nie Schulden gemacht).
        Ja, meine privaten Reisekosten habe ich teils selber getragen, aber auch meine Arbeitgeber. Ich habe weltweit gearbeitet.
        Die Erkenntnis habe ich durch Selbstreflektion gewonnen, ohne externe Hilfe. Analyse gehört zu meinem Berufsbild und zu meiner Persönlichkeit wie ein Reflex.

        Kraftquellen? Intrinsische Motivation, Erfolgserlebnisse (privat & beruflich), unstillbare Neugierde, Verspieltheit, Phantasiebegabung, Grundvertrauen in sich selbst und meine Selbstwirksamkeit, Ausdauer & hohe Frustrationstoleranz, Ehrgeiz, eine gute Portion Egoismus…und Versagensängste & Selbstzweifel. Letztere sind der allerbeste Motor und ein echtes Erfolgsgeheimnis…

        Meine Midlife-Krise wurde ausgelöst, als ich eigentlich alles erreicht hatte und ich keine neue, tragfähige Vision entwickeln konnte und in eine Sinnkrise schlitterte…und dann kamen ernsthafte Gesundheitsprobleme.
        Interessanterweise habe ich all die Jahre insgeheim gedacht, dass es mir zu gut geht und dass ich irgendwann in meine Schranken gewiesen werde.

        Meine Erkenntnisse: Kontrolle ist eine Illusion. Nicht aufhören, zu träumen. Der Weg ist das Ziel. Bedürfnisse ändern sich. Flexibilität ist also alles. Nur Du selber kannst dir helfen.

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